…oder
Eine nächtliche ÖBB-Odyssee
Gestern saß ich im Zug von Wien nach Kärnten und hatte eine Begegnung der unterhaltsamen Art. Nach einem Halt an einem Bahnhof in der Steiermark um etwa 12 Uhr mittags (ich glaub es war Leoben) steht ein etwa 18-jähriger Mann im Ausgehoutfit ohne Gepäck vor mir und fragt mit großer Höflichkeit, ob er sich zu mir setzen darf. Ich wunderte mich etwas über sein leicht “abgearbeitetes” und erschöpft wirkendes Auftreten, aber hatte natürlich nichts dagegen. Der Typ schlief, nachdem er neben mir Platz genommen hatte, fast sofort ein. Nach etwa 2 Stunden Fahrt steigt ein offensichtlich Bekannter des neben mir Schlafenden in St. Veit (Kärnten) zu und gibt sich äußerst überrascht, seinen Freund in ebendiesem Zug (aus Wien kommend) anzutreffen. Die beiden beginnen eine für mich sehr belustigende Unterhaltung, welche von mir im weiteren Verlauf große Selbstbeherrschung abverlangte, um nicht lauthals loszulachen…
Offensichtlich verbrachte der neben mir Sitzende einen ausschweifenden Abend und eine wohl umso berauschendere Nacht in den angesagtesten Discos und Fortgeh-Locations die Villach (Kärnten) zu bieten hat. Gegen 4 Uhr morgens entschied er sich wohl, den Nachtzug nach Hause ins 38 km entfernte Klagenfurt zu nehmen. Wie er es in den eigentlich richtigen Zug geschafft hatte, konnte er im Gespräch mit seinem Freund (der neben unserem Zweier-Sitzplatz stehen geblieben war) nicht mehr rekonstruieren: “Boa, i waß nit amol mehr, wie i überhaupt zum Zug kummen bin, Olta!”
Wie ich durch meine zur Tarnung aufbehaltenen Kopfhörer (die Musik hatte ich längst ausgeschalten) weiter mit anhörte, ist der Partyheld anscheinend im Zug bereits vor Klagenfurt eingeschlafen. Der Zug – und das ist das eigentlich Lustige – entpuppte sich als eine Art Langstreckenverbindung zwischen Rom und Wien, was äußerst seltene Stopps zur Folge hat. So war also nach Villach Klagenfurt der letzte Halt in Kärnten. Aufgrund des offensichtlich ausgedehnten Trinkverhaltens meines Sitzkumpanen konnte in weiterer Folge leider nicht mehr ganz konstruiert werden, wo genau nun das erschreckende Aufwachen stattfand, jedoch ging die Fahrt bis weit in die Steiermark. Sein Freund – der ab hier anfing, in regelmäßgen Abständen “Du bist a festa Trottl” zu sagen – zeigte sich recht hilfreich und bot “Bruck an der Mau” als mögliche Endstation der nächtlichen Irrfahrt an. Der Freund kam mir daraufhin auch nicht mehr ganz geheuer vor, da er wohl sicherlich Bruck an der Mur meinte…
Nun, der Discokönig neben mir war mit Bruck an der Mau nicht ganz einverstanden: “Olta, i waß net. Vielleicht wors Graz. Oda na woat, wohrscheinlich weats Leoben gwesn sein. Irgendwo in da Steiamork bini ausgstiegn. Oba stell da vua! I hätt eigentlich bis noch Wien fohrn kennen.”
Die Gesprächspartner einigten sich dann also auf Leoben als Endstation der ÖBB-Odysse (Villach-Leoben, das sind 196 km mit dem Zug). Schließlich äußerte mein Sitznachbar seine Erleichterung, auf einen netten und verständnisvollen Schaffner getroffen zu sein, der ihm nicht nur keine Strafe für die übermäßig ausgenützte Fahrkarte Villach-Klagenfurt aufbrummte, sondern ihm freundlicherweise noch mit einem Vermerk auf der Kurzstreckenkarte eine gratis Heimfahrt ermöglichte: “Oba gib da, i hätt eigentlich GRATIS bis noch Wien fohrn kennan! Oba a scheiße… hob jo ka Geld kob, nochdem i beim Mäci gfrühstückt hob.”
Schließlich wurde der Versuch unternommen, den vorangegangenen Abend bzw. die Nacht zu rekonstruieren. Der Freund des ÖBB-Odysseus konnte seine nächtlichen Sauf- und Spaßaktionen inkl. einem Beinahezusammentreffen mit der Polizei ganz gut rekapitulieren, während der Irrfahrer gleich aufgab: “Olta, i waß nix mehr von gestan!”
Als wir schließlich um etwa 14 Uhr den Hauptbahnhof Klagenfurt erreichten – den der kleine Abenteurer ohne Hilfe seines Freundes wieder übersehen hätte – wurde noch entschieden, nach einer ausgiebigen Dusche den Tag “am See” (Wörthersee) ausklingen zu lassen. Mein Sitznachbar verabschiedete sich – wieder mit großer Höflichkeit – von mir und folgte, offensichtlich dankbar für dessen Anleitung beim Aussteigen, seinem Freund auf den Bahnsteig. Der diesmal, nach berauschten 10 Stunden und knapp 392 km Irrfahrt (Villach-Leoben und Retour), endlich zum richtigen Bahnhof gehörte…






