Rezension: Der Kameramörder

THOMAS GLAVINIC – DER KAMERAMÖRDER

Originaler Titel: DER KAMERAMÖRDER

Gelesen auf: DEUTSCH

Allgemein

Dieser österreichische Kriminalroman wurde 2001 veröffentlicht und erhielt 2002 den Friedrich-Glauser Preis. Das Buch, welches in der Ich-Form protokollhaft geschrieben ist, wurde bereits verfilmt und war 2010 der Eröffnungsfilm bei der Diagonale in Graz.

Das Buch

„Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben.“ So beginnt dieses befremdende Protokoll einer abscheulichen, grauenerregenden Tat. Ohne eine Gefühlsregung und mit sachlicher Distanz berichtet der Ich-Erzähler aus seiner Perspektive von den Geschehnissen an jenem Osterwochenende in der Steiermark, als ein brutaler Mord an drei Kindern das ganze Land in Aufruhr bringt. Bis ins kleinste Detail werden die Vorkommnisse an diesem Wochenende beschrieben, welches der Protokollist zusammen mit seiner Lebensgefährtin (die er immerzu nur „meine Lebensgefährtin“ nennt) bei einem befreundeten Paar in der Steiermark verbringt. Angefangen von der Anzahl und Art der akolholischen Getränke die konsumiert werden, über die gewonnen und verlorenen Badmingtonspiele bis hin zu den psychischen und körperlichen Reaktionen der gequälten und vor dem Tode stehenden Kinder. Es wird nichts ausgelassen und gleichzeitig nichts emotional „nahe“ gelassen. Der Erzähler bleibt auf Distanz, ohne eine Gefühlsregung werden absurd nebensächliche ebenso wie erschreckende Details beschrieben. Jedoch scheinbar nicht aus erster Hand; und dies ist das besondere und meiner Meinung nach auch anklagende an diesem Buch: Um den Kindermord spinnt sich eine medial aufgekochte Mörderjagd. Knallhart und ohne Zurückhaltung wird jede noch so kleine Information über den Mord von den Medien aufbereitet und schamlos präsentiert. Als dann ein Video gefunden wird, welches offensichtlich vom Mörder während der Tat gedreht wurde, werden alle Tabus und Grenzen der Moral gebrochen. Das Video, welches die Tat zeigt, wird abschnittsweise und kaum zensiert (unterlegt mit einer Notrufhotlinenummer für psychische Notfälle) im TV ausgestrahlt und alle Protagonisten des Romans verfolgen dies gebannt mit. Als sich der Kreis der Ermittlungen enger zieht und der Mörder im Umkreis des Aufenthaltsortes unserer Protagonisten vermutet wird, gehen einige der Charaktere sogar so weit, sich selbst in die Wälder zu schlagen, um nur ja keine wichtigen Ereignisse zu versäumen und hautnah bei einer eventuellen Verhaftung dabei zu sein.

Das Buch ist weder in Kapitel, noch in Absätze unterteilt. Litaneiartig und gänzlich emotionslos wird das Geschehen von Anfang bis Ende, vom uninteressantesten bis zum abstoßesten Detail berichtet. Ein Protokoll des Grauens. Während man die Protagonisten dabei begleitet, wie sie jeder noch so kleinen Einzelheit mithilfe der Medien hinterherjagen und diese Szenen dann gezwungenermaßen mit äußerster Sachlichkeit miterleben muss, fühlt man sich als Leser beinahe schon schuldig und irgendwie schmutzig, wenn man selbst gebannt auf die weiteren Vorkommnisse wartet. Der Leser wird praktisch am eigenen Leib geläutert, während er einerseits die Sensationslust der Protagonisten teilt und andererseits davon abgestoßen wird. Genau das will meiner Meinung nach Glavinic damit aufzeigen: die Perversität der gesellschaftlichen Sensationslust, die mediale Geilheit am Leid anderer, welche in unserer voyeuristischen Gesellschaft leider immer öfter zum Tragen kommt. Sicherlich wird dies hier vielleicht etwas zu brutal überzogen, aber ich denke nur so kann man aufrütteln und aufwecken. Kann man hinterfragen: Warum berühren uns Verbrechen in unserer näheren Umgebung mehr, als jene in anderen Teilen der Welt? Warum neigen wir dazu, andere Menschen vorzuverurteilen? Warum finden wir etwas abstoßend, können aber trotzdem nicht aufhören hinzuschauen? Wie weit dürfen Medien gehen? Glavinic hat mit diesem Psychogramm eine Anklage an die gesellschaftliche Sensationslust geschaffen und er stellt mit diesem Roman eine große Frage, die wir uns alle stellen sollten: Wo liegen die Grenzen der Moral?

Ein Satz:

“Heinrich nahm sich eine Handvoll Chips und sagte, es sei gräßlich, der Mann müsse der Teufel persönlich sein.” (Seit 75)

Empfohlen für Leser/innen die:

harte Nerven haben, eventuell bereit sind, an ihre emotionalen Grenzen zu gehen und es verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Bewertung:

Ich möchte hier keinen Spoiler liefern und dem Ende des Romans vorgreifen, weshalb ich einige Interpretationsansätze meinerseits hier ausgelassen habe. Wer es jedoch schafft, das Buch zu Ende zu lesen (ich kenne ein paar Leute, welche entrüstet die Lektüre abgebrochen haben), kann einiges sicherlich besser verstehen. Dieses Buch ist keinesfalls gewaltverherrlichend, es ist anklagend und es soll aufrütteln – dies funktioniert (leider) am besten, indem man schockiert. Ich habe das Buch schon einigen Menschen weiterempfohlen, trotzdem ist es schwer hier Punkte zu vergeben. Das Thema und die Intention dahinter sind gut, jedoch ist es kein Buch, bei dem sich der Leser wohl fühlt, es ist eines, bei dem er sogar angeklagt wird, weil er neugierig ist.

Deshalb gebe ich dem Buch unentschlossene

THOMAS GLAVINIC – DER KAMERAMÖRDER

Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Oktober 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423135468
ISBN-13: 978-3423135467

Preis: 7,90 Euro

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